ASB Magazin
März 2024
10/14

Lebenswege

Schicksale jüdischer Samariter:innen zur Zeit des Nationalsozialismus

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Lebenswege 

Schicksale jüdischer Samariter:innen zur Zeit des Nationalsozialismus

Der ASB wurde 1933 von den Nationalsozialisten verboten und enteignet. Viele jüdische und politisch andersdenkende Samariterinnen und Samariter sind dem Terror des Nationalsozialismus zum Opfer gefallen. Von den rund 1.200 approbierten Ärztinnen und Ärzten im ASB waren die meisten jüdischer Herkunft. Sie wurden brutal verfolgt, in die Flucht getrieben, ermordet oder nahmen sich nach schlimmsten Drangsalierungen das Leben.

Dr. Edith Goldstein/ASB-Kolonne Halberstadt
So traf es auch die engagierte Medizinerin Dr. Edith Goldstein. Sie wurde 1894 in Berlin geboren, studierte dort Medizin und promovierte im Oktober 1920. Danach ließ sie sich als Ärztin in Halberstadt nieder. Im Frühjahr 1921 gründete sie die ASB-Kolonne Halberstadt mit und arbeitete hier ehrenamtlich als Ärztin und Ausbilderin. 1932 heiratete sie den nichtjüdischen Finanzbeamten Rudolf Martin.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde es schwer für das Ehepaar. Zwar war Edith Goldstein als Ehefrau eines „Nichtjuden“ weniger gefährdet als andere Jüdinnen und Juden, doch auch sie war zahlreichen Repressalien ausgesetzt. Ab 1938 durfte sie ihren Beruf nicht mehr ausüben. Bereits 1937 hatte ihr Ehemann seine Beamtenstelle verloren. Trotzdem betreute Dr. Edith Goldstein weiter jüdische Patient:innen und half ehrenamtlich im jüdischen Seniorenheim. Kurz vor Weihnachten 1943 brachte sie ihren kleinen Hund zu den Nachbarn und nahm sich gemeinsam mit ihrem Mann das Leben.

Dr. Hugo Natannsen/ASB-Kolonne Hamburg
Hugo Natannsen, geboren am 2. November 1897 im pommerschen Köslin, war Arzt der Abteilung St. Georg der ASB-Kolonne Hamburg. Er praktizierte sehr erfolgreich, spezialisierte sich im Bereich Rheumabehandlung und veröffentlichte 1931 eine Schrift über die „Glucosebehandlung des Muskelrheumatismus“. Mit dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten war Natannsen als Jude und Sozialdemokrat gleich doppelt gefährdet.

Im September 1933 wurde wegen angeblich regimekritischer Äußerungen ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet. Anfang März 1934 verlor der Mediziner die Kassen­zulassung, woraufhin er gemeinsam mit Frau und Stieftochter über Umwege in die Tschechoslowakei floh. Am 15. März 1939 rückten dort deutsche Truppen ein, womit die Familie erneut der Willkür der Nationalsozialisten ausgeliefert war. Am 3. November 1941 wurde Dr. Hugo Natannsen mit Frau und Stieftochter zusammen mit 1.000 weiteren Juden aus Prag in das Getto Litzmannstadt deportiert. Hier, wo über 160.000 Menschen eingepfercht waren, übernahm der profilierte Mediziner die Position des Chefarztes am Institut für Elektromedizin. Auch als Ambulanz- und Ressortarzt versuchte er unter schwierigsten Bedingungen, seinen Patient:innen zu helfen. Angesichts der vorrückenden Roten Armee erfolgte im Sommer 1944 die schrittweise Auflösung des Gettos und die Deportation der Zwangsarbeiter:innen in die Vernichtungslager. In den frühen Morgenstunden des 7. Juli 1944 verließ ein Transport mit 700 Menschen das Getto in Richtung Kulmhof. Unter den Deportierten befand sich auch Familie Natannsen. Sie wurde am 7. Juli 1944, zehn Jahre nach ihrer Flucht aus Deutschland, in einem präparierten Gaswagen qualvoll ermordet.

Dr. Siegfried und Dr. Anna Spitz/ASB-Kolonne Stargard
Im hinterpommerschen Stargard (heute Polen) praktizierte Dr. Siegfried Spitz seit 1923. Der Allgemeinmediziner und Facharzt für Innere Medizin war 1894 als Sohn jüdischer Eltern im damals preußischen Gnesen zur Welt gekommen. Siegfried Spitz engagierte sich ebenso wie seine Frau für den ASB, zunächst als Ausbildungsarzt. 1929 übernahm er die Leitung der ASB-Kolonne in Stargard und führte die örtlichen Samariter:innen bis zu deren Auflösung im Jahr 1933 an. 

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Spitz wegen angeblich kommunistischer Tätigkeit die Kassenzulassung entzogen. Trotz erfolgreichen Widerspruchs blieb seine Stellung gefährdet, auch weil er als Instruktor beim ASB tätig war. Anna Spitz überzeugte ihren Mann zur Auswanderung nach Palästina. Anfang 1934 erhielt Siegfried Spitz dort eine ärztliche Lizenz, und Anna Spitz unterstützte den beruflichen Neuanfang ihres Mannes unermüdlich.

1956 entschloss sich die Familie, nach Deutschland zurückzukehren. In Frankfurt am Main richtete sich der Arzt mit 62 Jahren nochmals eine kleine Praxis ein. Ehefrau Anna erfüllte sich ihren lebenslangen Traum, selbst Ärztin zu werden, im Alter von über 50 Jahren. Gemeinsam mit Tochter Karni schrieb sie sich zum Medizinstudium ein, das beide 1962 erfolgreich in Frankfurt abschlossen. Sohn Werner Spitz wanderte 1959 nach Amerika aus, wo er als einer der weltweit führenden Pathologen Berühmtheit erlangte.

Im November 1969 folgten Anna und Siegfried Spitz ihren Kindern in die USA. Obwohl die beiden einst prägenden Köpfe des Stargarder ASB für 13 Jahre nach Deutschland zurückgekehrt waren, haben sie den Weg zum ASB nicht mehr gefunden. 1990 starb Siegfried Spitz in Detroit ebenso hochbetagt wie 2002 seine Frau Anna. Beide waren in der jüdischen Gemeinde bis an ihr Lebensende engagiert.


Publikationen zum Forschungsprojekt
In den vom ASB-Bundesverband in Auftrag gegebenen historisch-wissenschaftlichen Abhandlungen „Der Arbeiter-Samariter-Bund und der Nationalsozialismus" (Marthe Burfeind, Nils Köhler, Rainer Stommer/Ch. Links Verlag Berlin 2019) sowie „Neubeginn und Wiedergründung des Arbeiter-Samariter-Bundes von 1945 bis 1952“ (Marthe Burfeind, Nils Köhler, Stefanie Hüttl/ Logos Verlag Berlin 2023) sind die Lebenswege dieser und weiterer Samariter:innen nachzulesen.

Text: Alexandra Valentino